Wie wäre es den Körper mitzudenken?
Ich fahre viel mit dem Zug. Gerade über die Weihnachtszeit habe ich viele Stunden damit verbracht, von A nach B zu reisen. Egal wohin, konnte ich Menschen beobachten, die ihre Blicke gespannt auf Bildschirme unterschiedlicher Größen gerichtet hatten. Ich bin meist Teil dieser Gruppe, die in eine unendliche digitale Welt verschwindet und häufig verpasst, was in der realen Welt da draußen buchstäblich vorbeizieht: wunderschöne Landschaften, die mich ins Hier und Jetzt zurückholen, mich staunen lassen und ein Gefühl der Freude auslösen, das warm und kribbelnd in meinem Oberkörper spürbar ist.
Abtauchen in die digitale Welt
Die große Zeitspanne, die wir vor unseren Bildschirmen verbringen, ist keineswegs „ungenutzte“ Zeit. Mit ein paar Klicks haben wir in Sekunden ein neues Teil für unseren Kleiderschrank bestellt, oder ein „Hallo, wie geht’s dir?“ an zwölf verschiedene Menschen auf der ganzen Welt verschickt. Diese Errungenschaft der letzten Jahrzehnte ist enorm und bringt Vorteile mit sich, die undenkbar schienen. Doch nicht ohne Grund gibt es zahlreiche Bücher, die „Digitalen Minimalismus“ anpreisen, uns auffordern Smartphones und Laptops wegzulegen und uns anderen Sinnesreizen zu widmen (1). Die Welt, in der wir leben ist bequem und hat den Gebrauch unseres leiblichen Körpers auf ein Minimum reduziert (2). Und damit meine ich nicht nur die Reduzierung sportlicher Aktivität oder Bewegung im Alltag, die einen negativen Effekt auf unsere Gesundheit hat (3), sondern auch all die spontanen, kleinen zwischenmenschlichen Interaktionen, die durch den digitalen Fortschritt, wegfallen.
„Die Macher des Animationsfilms „WALL-E“ haben hierzu eine fiktive Zukunft gezeichnet. Wie weit, sind wir von einer Welt wie dieser entfernt? “
Mir ist bewusst, dass diese Zeilen ein dystopisches Bild unserer Realität zeichnen. Im Laufe dieses Semesters durfte ich jedoch Projekte kennenlernen, die Kunst und Technologien vereinen, um Erfahrungen zu ermöglichen, die eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Selbst, dem Körper, anderen Menschen und unserer Umwelt erfordert. Mit dem gesammelten Wissen wollte ich mich, als bewegungsbegeisterte Person mit der Frage beschäftigen, wie Technologien genutzt werden können, um Sinneserfahrungen mit unserem ganzen Körper nicht nur zu ermöglichen, aber zu verstärken. Es scheint mir, als ob wir so der oben genannten Entwicklung einen Gegenpol liefern können.
Die Medienkünstlerin und Perfomerin Luna Maurer hat mit ihrem Manifest „Designing Friction“ einen ersten Vorstoß gestartet. Darin erläutert sie Folgendes: „technology should create environments and situations in which we can truly connect with each other, as well as with the unknown, the uncontrolled, with all senses, all elements, all emotions.” (4)
Warum verschiedenartige Erfahrungen, die das „Menschsein“ ausmachen, so wichtig sind, beschreibt die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barett sehr anschaulich in ihrem Buch „How Emotions are made“. Danach stehen wir in Wechselwirkung mit unserer Umwelt. Die Umwelt beeinflusst, wie wir denken, fühlen und wie wir uns verhalten. Wir wiederum haben einen direkten Einfluss auf unsere Umwelt. Über all unsere Sinne erhält unser Gehirn Informationen darüber, was in der Außenwelt, aber auch was im Inneren passiert. Mit jeder Erfahrung, die wir machen, werden Netzwerke in unserem Gehirn gebildet. Dieses Phänomen wird „Neuroplastizität“ genannt und macht es möglich, bis an unser Lebensende Neues zu lernen. Um starke Verbindungen bilden zu können, müssen wir unsere Körper mit unterschiedlichen „Reizen“ füttern. Das, was sich anfangs noch herausfordernd anfühlte, wird nach zahlreichen Wiederholungen Automatismus. In diesem Prozess gehört es auch dazu, Fehler zu machen und von Neuem zu beginnen, denn gerade in diesen Momenten werden besonders viele Botenstoffe in unserem Gehirn ausgesendet, um Synapsen zu bilden (5). Und das ist es, das Luna Maurer fordert: Technologien nutzen, die das ganze Spektrum an menschlichen Erfahrungen aufgreift, unangenehme, wie angenehme.
„Jede Erfahrung ist an eine Empfindung in unserem Körper gekoppelt. Eine aufmerksame Wahrnehmung dieser, kann uns bei der Navigation durch das Leben helfen. “
Funktion einer Synapse
Dieser Ausflug in die Biologie unseres Körpers macht deutlich, dass der „digitale Minimalismus“ nicht unbegründet ist. Wie können wir die Technologien nun aber nutzen?
Die Bandbreite an Projekten, die sich dieser Frage aus therapeutischen oder aus künstlerischen Zwecken widmet, ist riesig. Ohne nur einen Bruchteil davon zu kennen, ist Room without Walls des Perfomancekollektives LIGNA Eines, das die zuvor erwähnten Aspekte aufgreift. Ausgestattet mit Kopfhörern startet das Publikum eine Reise, geführt von Kindern aus Frankfurt, São Paulo, Beirut und La Union. Ohne sich je persönlich begegnet zu sein, gestalten diese Kinder einen geteilten Erfahrungsraum, in dem Bewegung, Zuhören und gegenseitiges Lernen im Mittelpunkt stehen (6).
Die Teilnehmenden werden eingeladen, sich zu bewegen, zu tanzen, Orte zu erkunden – nicht digital ersetzt, sondern digital initiiert. Das Projekt zeigt: Technologie kann nicht nur transportieren, sondern aktivieren; sie kann Körper in Bewegung bringen, anstatt sie zu immobilisieren.
Marcel van Brakel und Mark Meeuwenoord gehen mit Symbiosis noch einen Schritt weiter. Symbiosis ist eine spekulative, multisensorische VR-Installation, die in einer posthumanen Zukunft spielt. In dieser Welt existieren Menschen, Tiere, technologische und künstliche Lebensformen in einer radikal symbiotischen Beziehung, in der Ressourcen, Körper und Informationen geteilt werden. Teilnehmende werden selbst Teil dieser Zukunft, indem sie in unterschiedliche posthumane oder nicht-menschliche Rollen schlüpfen. Durch VR, körperliche Bewegung und spezielle haptische Wearables erleben sie neue Formen von Körperlichkeit und Zusammenleben (7).
In diesem Sinne muss die Zukunft nicht als dystopischer Verlust körperlicher Präsenz beschrieben werden. Sie kann eine Zukunft sein, in der digitale und physische Realitäten produktiv ineinandergreifen. Dennoch müssen Projekte wie diese stets auch im Hinblick auf Zugänglichkeit, Skalierbarkeit und Kosten reflektiert werden. Während Symbiosis in dieser Hinsicht mit größeren Hürden verbunden ist, lässt sich das Projekt Room Without Walls von LIGNA vergleichsweise einfach und flexibel an unterschiedlichen Orten umsetzen.
Als Ausblick für mich als Health Designerin dient vor allem die Arbeit von Kristina Höök. In Designing with the body plädiert sie für einen Wandel im Interaktionsdesign hin zu einem stärker erfahrungsbezogenen, sensorischen und verkörperten Ansatz. Das sogenannte Soma Design, ist ein Gestaltungsprozess, der den Körper und die Bewegung wieder in ein Feld zurückholt, das lange Zeit von Sprache, Logik und Effizienz dominiert war. Als Alternative fördert es eine langsamere, reflektierende Art des Gestaltens, die menschliche Erfahrung, Wohlbefinden und Werte in den Mittelpunkt stellt. Besonders aufschlussreich erscheint mir in diesem Zusammenhang die Annahme, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Soma zu einer vertieften Empathie für andere Körper führen kann. Wer lernt, die eigene Körperlichkeit bewusst wahrzunehmen, entwickelt zugleich ein feineres Gespür für die unterschiedlichen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen anderer Menschen. Diese Sensibilität ist zentral, wenn Gestaltung tatsächlich von jenen angenommen werden soll, für die sie gedacht ist (8). Gerade im Kontext von Inklusion gewinnt dieser Gedanke besondere Bedeutung. In What Can a Body Do? How We Meet the Built World stellt Sara Hendren die grundlegende Frage, für wen unsere Umwelt eigentlich entworfen ist – und macht deutlich, dass sie sich häufig an einem vermeintlichen „Durchschnittsmenschen“ orientiert, den es in dieser Form nicht gibt (9). Als Gesundheitswissenschaftlerin habe ich selbst lange mit Daten und Durchschnittswerten auf Populationsebene gearbeitet. Dabei gerät jedoch leicht aus dem Blick, dass solche Abstraktionen den konkreten Erfahrungen, Bedürfnissen und Lebensrealitäten individueller Körper nur unzureichend gerecht werden.
(1) Newport, C. (2019). Digital Minimalism: Choosing a Focused Life in a Noisy World. Portfolio/Penguin.
(2) Chan, K. T. (2022). Emergence of the “digitalized self” in the age of digitalization. Computers in Human Behavior Reports, 6, 100191. https://doi.org/10.1016/j.chbr.2022.100191
(3) Woessner, M. N., Tacey, A., Levinger-Limor, A., Parker, A. G., Levinger, P., & Levinger, I. (2021). The evolution of technology and physical inactivity: The good, the bad, and the way forward. Frontiers in Public Health, 9, 655491. https://doi.org/10.3389/fpubh.2021.655491
(4) Maurer, L. (n.d.). Designing Friction. https://designingfriction.com (accessed December 29, 2025)
(5) Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt.
(6) LIGNA. (2025). A Room Without Walls. https://www.ligna.org/2025/05/a-room-without-walls/ (accessed December 29, 2025).
(7) Tortora, S. (2019). Children are born to dance! Pediatric medical dance/movement therapy: The view from integrative pediatric oncology. Children, 6(14), 1–27
(8) Polymorf & Studio Biarritz. (2021). Symbiosis [Performative, multi-user, multisensory VR installation]. https://www.polymorf.nl/interaction/symbiosis/ (accessed January 3, 2026)
(9) Höök, K. (2018). Designing with the Body: Somaesthetic Interaction Design. MIT Press.
(10) Hendren, S. (2020). What Can a Body Do? How We Meet the Built World. Riverhead Books.